Bericht zur Tagung „Klang der Macht – Macht des Klangs“ (Jena, 22.-23.11.2019)

Zu unserer letzten Jahrestagung, die Ende November in Jena stattfand, können wir nun Dank Julia Samp (Aachen) einen Bericht vorstellen, mit dem man die ganze Tagung noch einmal Revue passieren lassen kann.

„Klang der Macht – Macht des Klangs in Gesellschaften und Medien der Vormoderne“

Bericht von: Julia Samp (Historisches Institut der RWTH Aachen, Lehrstuhl für Mittlere Geschichte) (als pdf)

Die Trompeten von Jericho (Engl. Psalter, 1. Viertel 13. Jhd.) München, BSB, Clm 835, fol. 21r.

Die 26. Jahrestagung des Brackweder Arbeitskreises für Mittelalterforschung befasste sich mit dem Verhältnis von Klang und Macht in der Vormoderne. Dabei sollten, so die Organisatoren der Tagung Sophie Marshall (Jena) und Jan Stellmann (Tübingen) in der Einführung, zwei entscheidende Fragen verfolgt werden: Wie kann einerseits Klang der Macht repräsentativ Ausdruck verleihen und ihr dienstbar gemacht werden und welche Macht oder agency wurde andererseits dem Klang selbst in der Vormoderne zugeschrieben? Neben den vielfältigen Beziehungskonstellationen von Klang und Macht wurden daher besonders Instrumentalisierungsformen des Klangs durch Macht (etwa eines Herrschers) sowie die dem Klang selbst zugeschriebene (Wirk-)Macht in den Fokus der Tagung gerückt.

Die erste Sektion wendete sich dem Verhältnis von göttlicher Macht und Klang zu. Maximilian Wick (Frankfurt a. M.) bestritt den Auftakt mit einer Untersuchung der kreativen Klänge bei Bernardus Silvestris und Peter von Blois. Die Erschaffung der Welt durch Gottes Wort als auditives Ereignis und der andauernde harmonische Schöpfungsklang in Form der Sphärenharmonie bildeten den Ausgangspunkt der Untersuchung, die zum einen das subtile sound-Design bei der dichterischen Bearbeitung der im 12. Jahrhundert platonisch gedachten Welt- und Menschenschöpfung  herausstellte und zum anderen zeigte, dass die derart betonte Klanglichkeit die Weltentstehung nicht nur inhaltlich fassbar machen, sondern darin auch deren harmonische Ordnung formal nachahmen sollte: Die Formung Silvas, der ‚misstönenden Masse‘, sei bei Bernardus ein musikalischer Akt, der den im Rahmen der christlichen Schöpfungstheologie problematischen platonischen Prinzipiendualismus überspiele. Diese Auditivität des poetischen Schöpfungsnarrativs finde sich mit parodierender Bezugnahme auf Bernardus in der lyrischen Erschaffung eines Mädchens durch den Dichter Peter von Blois wieder. Florian Wegschneider (Linz) widmete sich dem Exsultet. Der „bedeutendste christliche Gesang“ geht auf das Ende des 4. Jh. zurück und verkündet als österlicher Lobpreis der Feiergemeinde die Auferstehung Christi: In notwendigerweise paradoxen Formulierungen mache das Exsultet iam angelica turba ein unaussprechliches Geschehen aussprechbar. Durch die prunkvolle Ausstattung bzw. Rahmung von pergamentenen Exsultet-Rollen und teils meterhohen Osterkerzen sei der österliche Lobpreis als sacramentum paschale zu verstehen, das gesanglich wiederum erst Deutung und v.a. Geltung jener teuren Gaben hervorbringe: Der Klang sei Verwirklichung des machtvollen Handeln Gottes in der Auferstehung Christi und des (sakramentalen) Tuns seiner Kirche auf Erden.

Im Fokus der zweiten Sektion stand der Klang als Instrument der Macht. Zunächst ging es Eva-Verena Siebenborn (Bochum) um die Ferrareser Intermezzi am Fürstenhof der Este um 1500, anhand derer sie den Zusammenhang von Musik und Macht in einer Zeit des Wandels der höfischen Kultur in den Bereichen Theater und Musik betrachtete. Ihr Interesse galt den Zwischenspielen der zu hohen Anlässen am Hofe veranstalteten Theateraufführungen mit ihren musikalischen ‚Einspielern‘. Über die Analyse u.a. des Traktates Spectacula des Ferrareser Hofchronisten Pellegrino Prisciani beschrieb Siebenborn jene Intermezzi als mythologisch grundierte, deutliche Aufwertung der musica instrumentalis zur ,poietischen‘ ars, mit der menschliche Künstler über die Nachahmung der musica mundana hinaus poietisch wirken könnten. Eine solche Rhetorisierung und Poetisierung der Musik im Zeichen des Agon führe zu einer Veränderung des Klangs und ging mit einem Wandel musikalischer Wirkziele einher: Musik habe primär den innenpolitischen (Macht-)Zusammenhalt des Hofes der Este zu wahren – zwischen Panegyrik und Poiesis situierte sich das musikalische self-fashioning –, diene aber auch der außenpolitischen (Macht-)Konsolidierung gegenüber Venedig und Florenz. Anschließend arbeitete Margret Scharrer (Bern) am Beispiel der Hochzeit Herzog Karls des Kühnen von Burgund mit der englischen Prinzessin Margarete von York in Brügge 1468 Klangkonzepte der Macht heraus. Mittels idealisierender Festberichte zu diesem Ereignis – Briefbericht und Traictié des nopces von Olivier de la Marche, die Chroniken Jeans de Wavring und eines anonymen englischen Herolds – unterschied sie die ineinander übergehenden Klang- und Herrschaftsräume der Stadt, der Kirche und des Hofes/der Residenz; die in Letzterem präsentierten entremets und deren Klänge stellte Scharrer als Sprachrohr herrschaftlicher Macht vor. In diesen musikalischen Darbietungen zur Untermalung der Schauessen fungierten die als Tier- und Fabelwesen auftretenden Instrumentalisten als klingende Embleme, als instrumental inszenierte Herrschaftszeichen: Gerade in diesen musikalisch ausgedeuteten, teils exotischen Einspielungen drücke sich der burgundische Herrschaftsanspruch aus. Gleichzeitig betonte Scharrer – unter Verweis auf die im Ereignis sichtbare Materialität (ephemere Festarchitektur, Edelmetalle usw.) – den Aspekt der Multisensorik, denn Klang und auch Materialität im Überfluss dienten der Erhöhung des Hauses Burgund durch akustische und visuelle Überwältigung der Zuschauer. Gesine Mierke (Chemnitz) schloss eine Analyse zentraler Szenen des Reinfried von Braunschweig an und wies insbesondere für diesen Text die Verbindung von Klang und Macht nicht nur als integralen, sondern als funktionalen Textbestandteil nach. Reinfrieds Aufbruch ins und Ankunft im Heiligen Land werden von einer ausdruckstarken Klangkulisse begleitet, welche Ausweis seiner Macht und Rechtmäßigkeit seien und seinen Ruhm – auch ohne körperliche Präsenz der Figur – durch die Handlung hindurch präsent hielten. Klang markiere zudem im Reinfried den Erkenntnisprozess des Protagonisten, etwa in der Episode der singenden Sirene als Komplementärmotiv zur Ehefrau Yrkane. In den genannten Punkten komme dem Klang eine das Geschehen strukturierende sowie kommentierende Macht zu. Aber auch in performativer Hinsicht entwickele der Klang eine bedeutende Wirkmacht, indem das Hören des Textes als rezeptionssteuernd zu verstehen sei und damit die Erfahrung von Welt ermögliche. Gleichwohl stelle sich diese auch im Reinfried – im Rahmen des Nachvollzugs der Erfahrung Christi – vor allem synästhetisch dar.

Die dritte Sektion eröffnete Simone Schultz-Balluff (Bonn) mit hörbarem Hörnerklang und Hundegeläut, welche sie auf deren Semantik, poetische Faktur und narrative Relevanz hin betrachtete. Die akustischen Signale von Hörnerklang und Hundegeläut in das Jagdgeschehen einordnend, verwies Schultz-Balluff auf die besondere Relevanz der Akustik im Wald als einem naturgemäß undurchdringlichen und in der Sicht eingeschränkten Raum, in dem der Hörsinn oberste Priorität hat. Die aspektorientierte Auswertung der Wortfelder Jagdhorn und Jagdhund mittels einer breiten Sammlung von Textzeugen der mhd. Epik perspektivierte Schultz-Balluff durch Darstellungen auf Jagdteppichen aus dem Kloster Wienhausen. Die akustischen Signale von Hörnerklang und Hundegeläut in das Jagdgeschehen einordnend, verwies Schultz-Balluff auf die besondere Relevanz der Akustik im Wald als einem naturgemäß undurchdringlichen und in der Sicht eingeschränkten Raum, in dem der Hörsinn oberste Priorität hat. Die aspektorientierte Auswertung der Wortfelder ,Jagdhorn‘ und ,Jagdhund‘ verband Schultz-Balluff mit Darstellungen auf Jagdteppichen aus dem Kloster Wienhausen. Einerseits akustische Anpassung an die Gegebenheiten des Waldes als Jagdort, markiere der Klangraum der Jagd andererseits die temporär begrenzte Inbesitznahme von Wald und Wild: Die dortige Akustik werde nicht nur gestört, sondern überlagert, was die Macht des Hofes über den Wald bzw. des Menschen über die Natur signalisiert. Heike Schlie (Salzburg) fragte anschließend anhand verschiedener Beispiele von Klangräumen – hier der relationale Raum im Moment des Klangereignisses in den Grenzen der Reichweite des Klangs – nach dem Vermögen von Bildern, Klang Macht zu verleihen. Im religiösen Bereich seien es die Kirchenglocken, die mit ihrem Klang einen Heilsraum konstituierten: Während die Glocke der Stadtkirche in Hungen aus dem Jahre 1452 mit jedem Schlag um günstigen Wind bittet, den Satan zurückweist, den Donner bricht usw., verbreitet die Glocke aus St. Peter in Groß-Linden von 1476 mit einem eingegossenen Pilgerzeichen dessen als Heilskraft definierte virtus im Raum. Daneben zeigte Schlie – u.a. auf Jagddarstellungen Lucas Cranachs d. Ä. – mediale Verfahren auf, die den Klang der herrschaftlichen Repräsentation ins Bildmedium umsetzen. Die Besetzung des Raumes durch die Klänge der Jagd wurde bereits betont; Schlie zeigte weitergehend, dass sich der Klang nun ins Bild ausweitet und damit auch Herrschaft(-sräume) aktiv verhandelt und markiert.

Die vierte Sektion widmete sich dem Klang im Krieg. Zuerst ging es Daniela Wagner (Tübingen) am Beispiel der Buchmalereien einer St. Galler Handschrift von Strickers Karl der Große um Rolands Horn Olifant, als Visualität und Auditivität vereinendes (Gebrauchs-)Objekt. Zwar ist der tatsächliche Einsatz dieses Instruments für Jagd und Krieg fraglich, doch treten der Olifant und sein Klang im Text und v.a. in den Illuminationen als prestigeträchtiges und wirkmächtiges Herrschaftsobjekt deutlich hervor: Während der Olifant auf der Ebene der Narration eine multifunktionale, sogar physische Wirkung entwickele, diene er bzw. sein nach oben strebender Schall im bildlichen Bereich als Katalysator der Bedrängung – ganz im Gegensatz zum hier kaum berücksichtigten Schwert. In gemalten Schallwellen, die gleichzeitig auf eine explorative Auseinandersetzung der Zeitgenossen mit dem Klang und dessen Wirkung hinwiesen, trete die Klangwelt hier sichtbar über das Bildfeld heraus und symbolisiere so Kraft und Macht des Klanges. Auch der Vortrag von Tina Terrahe (Marburg) nahm sich Rolands Horn an, nun jedoch am Beispiel der altfranzösischen Chanson de Roland und seiner deutschen Adaption durch den Pfaffen Konrad sowie mit Fokus auf das Verhältnis von tödlichem Klang und machtvollem Schweigen auf der Ebene der Handlungsstruktur. Terrahe stellte die Szene, in der Roland nach längeren Erwägungen den Olifanten bläst, um Karl den Großen zu Hilfe zu rufen, und sich durch eben jenes Blasen innere, tödliche Verletzungen zuzieht, als narrativ bedeutsame Konstellation vor: Der tödliche Klang drücke nicht Hybris Rolands, sondern hyperbolisch dessen rückhaltlose Treue und Ehre aus – in christlicher Deutung ein (selbstzerstörerischer) Akt des Martyriums. Machtvolles Schweigen dagegen kennzeichne – in Kombination mit den geschilderten und gemalten Gesten – die Person Karls des Großen, in heiklen Beratungsszenen präsentiert in Denkerpose, den Bart streichend, mit gesenktem Blick. Dieses Schweigen, zumeist interpretiert als Schwäche, sei jedoch als intendiertes Nicht-Sprechen zugunsten des gründlichen Abwägens v.a. als eine Form der spezifischen Herrscherkompetenz und damit als eine wichtige Funktion der Machtausübung durch bewussten Verzicht auf artikulierte Klänge zu verstehen.

Die fünfte Sektion stellte abschließend noch einmal dezidiert die Macht des Klangs und seiner Negation, der Stille, selbst in den Mittelpunkt. Abdoulaye Samaké (Bamako/Saarbrücken) machte diese zunächst an Lärm und Stille in der französischen Literatur des Mittelalters, konkret am Roman Guillaume de Palerme, fest. In verschiedenen Szenen – der Schlacht zwischen römischem Kaiser und seinem Baron, der Entführung des Kindes durch den Werwolf, Verfolgung der Liebenden, Vermählung von Melior und Latenidon – vermittele der Lärm die Macht bestimmter Handlungsträger und gewinne damit sowohl identitätsstiftende wie narrative Funktion. Diese Macht des Klanges werde jedoch v.a. durch den Gegenpol der Stille hervorgebracht, in welche der Lärm einbricht. Die Macht der Stille wird besonders in der Traumszene in Tristan et Iseut (von Béroul) deutlich, in welcher sie wirkmächtig, aber von Tristan und Iseut nicht verstanden, die drohende Gefahr des Entdeckt-Werdens ankündige. Anschließend setzte sich Michael Klaper (Weimar/Jena) mit den musikalischen Produktionen im Œuvre Hildegards von Bingen auseinander, welches auch 77 Gesänge und ein Geistliches Spiel umfasst. Dass die in der Musiktradition nicht ausgebildete Hildegard jene Musik in performativen Form, d.h. durch visionäres Erleben empfangen und erst in einem zweiten Schritt mit Text unterlegen hat lassen, sei als Besonderheit im Kontext mittelalterlicher Musikproduktion kaum zu überschätzen. Die so entstandenen Gesänge müssten auch insofern als außergewöhnlich erscheinen, als sie aufgrund der ,Montage‘ von ins Irdische herübergeholten Gesängen mit aus Hildegards Prosawerken extrahierten Textstücken – die meisten Gesänge sind mit Texten tradiert, die erst deren Überlieferung ermöglichten, die Notationen sind nur marginal erhalten – die Grenzen der zeitgenössischen Gattungen (Sequenzen, Hymnen usw.) notwendigerweise überschritten. Somit seien die hildegardschen Gesänge als eine verbale Repräsentation der Macht des Klanges zu verstehen. Den Abschluss bestritt Robert Gisselbaek (Genf) mit einer Betrachtung von Sirenensang und Seelenklang am Beispiel des Tristans Gottfrieds von Straßburg. Der Gesang Isoldes übt auf die Hofleute eine derartige Anziehungskraft aus, dass der Vergleich mit den Sirenen nahezuliegen scheint. Während aber der Sirenensang eine Gefahr bedeute, führe der Gesang Isoldes direkt in die Seele und bewirke im Herzen einen Zauber. Diese Anziehungskraft erläuterte Gisselbaek mit erhellenden Verweisen auf die zeitgenössische spekulative Musiktheorie (v.a. Boethius, Regino von Prüm, Guido von Arezzo) als weniger abgründiges und vielmehr ethisches Phänomen: Es sei primär die morâliteit Isoldes, die jenen ,Zauber‘ evoziere. Der Klang bekommt hier also eine intellektuell gedachte Wirkung, an der sich die Macht der dem Gesang lauschenden Mächtigen überhaupt erst beweisen müsse, und zwar in der Durchdringung des Klangs im ethisch-rationalen Sinne. Indem somit die Beherrschung, die Genusskontrolle und das vernunftbezogene Urteilen den Lauschenden als musicus wie als ‚Mächtigen‘ ausweise, bestehe die Macht des Klangs vor allem in der Profilierung der Rezipienten über den Umgang mit diesem und höfischer Dichtung insgesamt.

Der interdisziplinäre Zugang erwies sich im Sinne der Herausarbeitung der vielfältigen und komplexen Relationen von Klang und Macht als eine ausgesprochen ertragreiche Herangehensweise. Eine breit angelegte Erforschung von Klangphänomenen in vormodernen Quellen ist allgemein als Desiderat formuliert worden. Wiederholt betont wurde zudem die Notwendigkeit einer konsequent synästhetischen bzw. multisensorischen Betrachtungsweise (des Klangs und über den Klang hinaus), insbesondere einer Abmessung des Verhältnisses von Visualität und Auditivität: Inwiefern haben deren je eigene Wirkmächtigkeiten einen sich wechselseitigen unterstützenden oder einen sich gegenseitig marginalisierenden Einfluss? In dieser Frage liegen wertvolle Anregungen und Ansatzpunkte für zukünftige Arbeiten.