13. Jahrestagung: „Zeugnis und Zeugenschaft“

24.-25. November 2006, Universität Bremen

Organisation: Wolfram Drews und Heike Schlie (Universität Dortmund)

Ein Tagungsbericht erschien am 14.01.2007 bei H-Soz-u-Kult.

Publikation in: Wolfram Drews/Heike Schlie (Hg.), Zeugnis und Zeugenschaft. Perspektiven aus der Vormoderne, München 2011.

Konzept

Zeugnis und Zeugenschaft

Zeugnisse und Zeugenschaft machen bereits vergangene oder aus anderen Gründen nicht direkt rezipierbare Erfahrungssituationen und Erfahrungswerte für Mitglieder einer Gesellschaft verfügbar, die nicht an der Erfahrungssituation selbst beteiligt sind oder waren. In dieser Eigenschaft sind sie auf vielen Ebenen Grundbedingung für Prozesse der Manifestation und Tradierung im Kontext von Historiographie, Memoria oder Wissenstransfer. Entwickelt wurde der Zeugnisbegriff zunächst in der Rhetorik („kunstloses Überzeugungsmittel“) und im römischen Recht (Mittel der Tatsachenerhebung). In den Theologien der Offenbarungsreligionen ist der Begriff des Zeugnisses zentral für Offenbarung und Lehre, namengebend gar in der Martyriologie. Im jüdischen und christlichen Verständnis ist auch die ethische Dimension des Zeugnisses zentral, denn das Verbot, falsches Zeugnis abzulegen, ist Bestandteil des Dekalogs. Das Zeugnis spielt im Zusammenhang mit Auseinandersetzungen über die apostolische Sukzession im Lehr- und Bischofsamt oder deren Infragestellung durch Exponenten der vita apostolica eine erhebliche Rolle in der Institutionengeschichte des Mittelalters. Auch die frühmittelalterliche Historiographie macht einen Zeugnisbegriff fruchtbar, in dem das in Schrift übertragene direkte Zeugnis des Sehens dem bloßen „Hörensagen“ gegenübergestellt wird. Die Beweiskraft des auf Augenzeugenschaft beruhenden Zeugnisses machte dieses zu einem grundlegenden Beweismittel für einen „historisch“ glaubwürdigen Bericht, denn das griechische Verb historein bedeutet, wie Isidor von Sevilla es in seiner Enzyklopädie formuliert, videre vel cognoscere, womit das auf eigener Anschauung oder Erkenntnis beruhende „Für-Wahr-Halten“ von Sachverhalten und ihre unter diesen Bedingungen „glaubwürdige“ Übermittlung, auch in Form einer historia, angesprochen ist. Schon etymologisch führt das Thema der Tagung daher in das Zentrum aller „historisch“ arbeitenden Disziplinen, denn sie geben der jeweiligen Gegenwart Zeugnis von der forschend (re)konstruierten Vergangenheit. Die folgenden Aspekte zu Wesen, Funktionalisierung und Medialität des Zeugnisses umreißen ein Themenspektrum für mögliche Beiträge zur Tagung. Bereits ein kurzer Überblick macht deutlich, daß wir es nicht mit einem, sondern mehreren, durchaus voneinander abweichenden Zeugnisbegriffen zu tun haben, die sich zwischen den Polen „Sichtbarwerdung“ und „Überliefern“ bewegen. Um einen Dialog zwischen den Ebenen und Fächern zu ermöglichen, wird es vermutlich notwendig sein, den Begriff des Zeugnisses in den verschiedenen Diskursen von seinen jeweiligen Synonymen (d.h. von Kategorien mit vergleichbarer Funktion) innerhalb dieser Diskurse zu trennen: im Rechtswesen vom Beweis (Sigrid Weigel), in der Rhetorik vom Exemplum, in der Philosophie vom Signum, in der Historiographie vom allgemeineren Begriff der Quelle. Weiterlesen

12. Jahrestagung: „Integrität – Konzepte von Einheit, Ganzheit und Unversehrtheit im Mittelalter und in der Mittelalterforschung“

18.-19.November 2005, Humboldt Universität zu Berlin

Programm

Heike Schlie: Corpus manet integrum. Fragmentierung und Ganzheit des Christuskörpers in der hochmittelalterlichen Kunst
Frank Rexroth: Utopien der Einfachheit und der Ganzheit in der Wissensgesellschaft des späten Mittelalters
Matthias Maser: Hispania und al-Andalus. Die Iberische Halbinsel als geschichtliche Einheit in den Werken lateinischer und arabischer Historiographen des frühen und hohen Mittelalters
Michael Brauer: Aus Heiden werden Vorfahren. Die Prußen in der Historiographie des Deutschordenslandes Preußen
Stefan Esders: Vom Bürgerrecht zur Taufe: Gesellschaftliche Zugehörigkeit und Deutung von „Öffentlichkeit“ im Übergang von der Antike zum Mittelalter
Jan Ulrich Büttner: Chronische Krankheit und Behinderung im Frühen Mittelalter
Claudia Moddelmog: Umkämpfte Konzepte: Einheitsvorstellungen in der Fehdeforschung
Schlußbesprechung

11. Jahrestagung: „Mittelalter-Imaginarien. Spuren des zwanzigsten Jahrhunderts und aktuelle Aufgaben“

19.-21. November 2004, Stiftung Niedersachsen Künstlerhaus, Hannover

Organisation: Nicole Zeddies

Programm

Nicole Zeddies / Bernhard Jussen (Hannover / Bielefeld): Begrüßung, Mittelalter-Imaginarien: Einführung
Matthias Puhle (Magdeburg): Zwischen Otto dem Großen und dem Heiligen Römischen Reich. Ausstellungen für ein breites Publikum
Benjamin Scheller (Berlin): Max Webers Stadt
Bernhard Jussen (Bielefeld): Mittelalter-Imagination im Massenbild des 20. Jahrhunderts. Sammelbild – Schulbuch – Sachbuch
Bernd Carqué (Göttingen): Les planches précèdent toujours le texte. Praktiken der Aneignung des Mittelalters am Beispiel der ›Voyages pittoresques et romantiques‹ und der ›Mission héliographique‹
Stefan Schweizer (Göttingen): Der historische Festzug zum Tag der deutschen Kunst in München 1937, inkl. Filmdokument zum Vortrag (NS-Dokumentarfilm aus dem Jahr 1937)
Inken Formann (Hannover): Mittelalterbilder in der Gartenarchitektur
Jan Gerchow (Essen): Historische Grossausstellungen: Zu „Krone und Schleier“ (Essen/ Bonn 2005)
Plenum: Abschlussdiskussion

10. Jahrestagung: „Zufall und Emergenz. Historischer Wandel als methodisches Problem“

21.-23.November 2003, Universität Bielefeld, Schule für Historische Forschung

Organisation: Bernhard Jussen und Simona Slanicka

Tagungskonzept

Wenn es Phänomene kultureller Stabilität zu deuten gilt, dann zeigen die geschichtswissenschaftlichen Diskussionen inzwischen einige methodische Sicherheit und leiden kaum noch unter konzeptuellen Verständigungsschwierigkeiten. Das Instrumentarium der in den vergangenen drei Jahrzehnten einflussreichen Soziologen und Anthropologen ist zum Gemeingut geworden. Es bietet einen brauchbaren Diskussionsrückhalt für das weiterhin starke Interesse an Modalitäten kultureller Reproduktion Viel schlechter steht es, wenn nicht Dauer, sondern Wandel, nicht Reproduktions-, sondern Transformationsphänomene zu erklären sind. Zwar wird das eine nie ohne das andere diskutiert, aber Leitbegriffe der Deutung wie „institutionelle Mechanismen“, „Wahrscheinlichkeit“, „Wiederholbarkeit“ oder „Erwartbarkeit“ (etwa im Sinne des Dresdner SFB 537) zeigen deutlich den Interessenschwerpunkt. Mit welchem Leitkonzepten aber werden Phänomene der Veränderung untersucht? Einigkeit läßt sich zwar über die Erklärungsmodelle erzielen, mit denen sich historische Transformationen nicht zureichend erklären lassen. Auf die Defizite kausaler und funktionaler, strukturaler, intentionaler, entwicklungsgeschichtlicher oder teleologischer Argumentation kann man sich schnell einigen und entsprechende Erklärungsmodelle dekonstruieren. Aber welche Alternativen gibt es? Wie kann der Wandel komplexer sozialer Konstellationen wissenschaftlich erfasst werden, wenn der Blick auf Funktionen, Intentionen usw. nicht ausreicht? Wie entsteht diskursive Unruhe, und wie erfasst man den Augenblick, in dem diskursive Unruhe für die sozialen Hierarchien relevant wird? Wie tragen Historiker sowohl der Forderung nach akteurs- und praxisorientiertem Blick Rechnung, als auch der Annahme, dass aus der Summe des ‚Alten‘ das ‚Neue‘ nicht ableitbar ist? Erst in Umrissen zeichnen sich in den historischen Wissenschaften Diskussionen ab, die weniger die Logik der Dauer oder „Institutionalität“, als eher die Modi des Wandels ins Zentrum rücken. Weiterlesen

9. Jahrestagung: „Form als Argument“

22.-24. November 2002, Zentrum für Mittelalterstudien der Otto-Friedrich-Universität Bamberg

Organisation: Klaus van Eickels und Tanja Brüsch

Tagungskonzept

Leitvokabeln wie „Performanz“, „symbolische Kommunikation“, „Ritual“, „Medialität“ usw. zeigen, daß die Fragestellungen der historischen Kulturwissenschaften gegenwärtig geprägt werden von dem Wissen um die Formgebundenheit jeglichen historischen Narrativs. Jenseits der Leitvokabeln allerdings, wenn es um die forschungspraktische Umsetzung dieser Einsicht geht, machen sich die sehr unterschiedlichen disziplinspezifischen Traditionen bemerkbar. Literatur-, Kunst- oder Musikwissenschaft sind es gewohnt, ästhetische Argumentationstechniken ins Zentrum ihrer Forschungen zu stellen – narrative oder poetische Strukturen, formale Anordnungen, Lichtführungen, Perspektiven, Rhythmen, Choreographien und so weiter. Historiker hingegen finden in ihrer disziplinären Tradition eher selten (etwa bei der Deutung von Architektur) vergleichbare Forschungsperspektiven. Der Brackweder Arbeitskreis widmet seine neunte Sitzung der Frage, wie in mittelalterlichen Gesellschaften aesthetisch, mit den Mitteln der Form, argumentiert worden ist und welche Rolle diese Argumentationen für die sozialhistorischen oder kulturwissenschaftlichen Deutungen spielen. Dabei wird es auch darum gehen, mehr Erfahrung mit den – trotz gleicher Leitvokabeln – deutlich verschiedenen Erkenntnisabsichten in den unterschiedlichen kulturwissenschaftlichen Disziplinen zu sammeln. Mehr noch als die bisherigen Sitzungen des Arbeitskreises ist diese neunte auf das gegenseitige Lernen zwischen den kulturwissenschaftlichen Disziplinen angewiesen. Weiterlesen

8. Jahrestagung: „Inkorporationen – Exkorporationen“

23.-25. November 2001, Westfälische Wilhelms-Universität Münster

Programm

Franz Arlinghaus (Kassel/Münster): Ephemere Körperattribute und Inititationsriten. Formen temporärer Rollenübernahme im spätmittelalterlichen Gerichtswesen
Wolfram Drews (Bonn): Devoratio librorum als Praxis der Wissensaneignung
Uwe Israel (Göttingen): Leben vom lebendigen Gott. Hostienesser im Mittelalter
Thomas Lentes (Münster): Character indelibilis. Taufmarkierung und Königszeichen im hohen und späten Mittelalter
Jörg Rogge (Mainz/Dresden): und das heiligtum pracht her Sigmunt Stromer und der Jorg Pfintzing. Zur Einverleibung der Reichskleinodien und Reliquien durch die Nürnberger Obrigkeit im 15. Jahrhundert
Thomas Scharff (Münster): Marginalisieren oder Integrieren? Zum Umgang mit Häretikern im Hoch- und Spätmittelalter
Beate Schuster (Strassburg/Paris): Historiographische Inkorporation (Arbeitstitel)
Klaus van Eickels (Bamberg): Inkorporation in das regnum Francorum oder Partnerschaft für den Frieden? Das homagium der normannischen Herzöge im Spannungsfeld von gleichrangiger Freundschaft und herrschaftlicher Unterordnung
Thomas Werner (Köln): „Im Schoß der Kirche“. Inkorporationen und Exkorporationen von Glaubensdevianten (Arbeitstitel)

7. Jahrestagung: „Kopfwelten – Augenblicke“

Kopfwelten – Augenblicke , 17.-19. November 2000, Greifswald

Programm

Klaus Krüger: Kurze Einführung
Bernhard Jussen: Zur Semantik des Sehens in der christlichen lateinischen Literatur des Mittelalters
Nicole Zeddies: Schrift und Bild als Weide der Augen
Thomas Lentes: Das Auge des Herrschers. Visualität und Herrschaftspraxis
Matthias Müller: Also sie auch in demuetiger Furcht Gottes von jren Schloessern vnd hohen Rath-Haeusern herab sehen“. Der (Aus)Blick des Fürsten als Element der Staatsethik des 15. und 16. Jahrhunderts
Hans-Uwe Lammel: Kopfblicke und Augenwelten: einige Aspekte der ‘Konstituierung’ des Körpers in ärztlichen und obrigkeitlichen ‘Pest’traktaten der frühen Neuzeit
Simona Slanicka: Haare kämmen, um die Gedanken zu ordnen: Skizzen für eine Geschichte des Kopfhaars
Abendfilm: „Lost Highway“ von David Lynch
Tanja Michalsky: Fred? Where are you? Die Suche nach der Persönlichkeit in David Lynchs „Lost Highway“
Wolfram Drews: Der Streit um die anthropomorphe Beschreibung Gottes – ein Beispiel für das Ringen um die Bestimmung des Verhältnisses zwischen Transzendenz und Immanenz im Judentum des Hochmittelalters

6. Jahrestagung: „Sprechen – Sprache – Schweigen“

November 1999, Schweicheln

Programm

Gadi Algazi: Kritisches zur „Begriffsgeschichte“
Bernhard Jussen: Kulturelle Semantik und soziale Ordnung: Vorstellung eines Forschungsprojektes
Albrecht Diem: Dico autem vobis quoniam omne verbum otiosum quod locuti fuerint homines reddent rationem de eo in die iudicii (Mt 12,36): Schweigen und Bildungshunger im frühen Mönchtum
Wolfram Drews: Sprache als Grundmuster und Gegenstand der Kontemplation in der ekstatischen Kabbalah Abraham Abulafias
Uwe Israel: Mit fremder Zunge sprechen: Deutsche im spätmittelalterlichen Italien
Carine van Rhijn: Klatsch und Tratsch als Kommunikationsmittel im frühen Mittelalter
Wolfgang Schmid: Reden mit Händen und Füßen. Zur Zeichensprache in Kaiser Heinrichs Romfahrt
Heike Uffmann: Das Redefenster Gabriela Signori Den König duzen…
Cordula Nolte: Wörtliche Rede in schriftlichen Texten (Briefen)
Gerd Schwerhoff: Das Undenkbare aussprechen? Ein Kölner Blasphemiefall aus dem 15. Jahrhundert