Akteure und Orte. Glokale Perspektiven auf Gruppierungen im Mittelalter

23. Jahrestagung des Brackweder Arbeitskreises für Mittelalterforschung, Berlin, 18.–19.11.2016

Akteure und Orte – Tagungskonzept.

In der Mittelalterforschung hat sich in den letzten Jahren ein Diskurs über transkulturelle Verflechtungen formiert. Dabei wird, in Anschluss an globalgeschichtliche Theorien, die grundsätzliche Möglichkeit von Verflechtungen über kulturelle Grenzen hinweg angenommen. Die Perspektive ist bisher vor allem vom Ergebnis her bestimmt, das heißt es wird nach der Entstehung und Verbreitung solcher (kultureller) Phänomene gefragt, die sich nicht mehr bestimmten ‚Kulturräumen‘ zuordnen lassen, die aber oft noch auf ihre vermeintlichen ‚Ursprungskulturen‘ hin befragt werden. Die Prominenz des Konzeptes von ‚Kulturen‘ in historischer Forschung ist jedoch seit einiger Zeit als ein Produkt nationalstaatlichen Denkens und wissenschaftlicher Disziplinentrennung zur Dekonstruktion freigegeben.

Denn ebenso wenig wie gentes und regna, Staaten, Gesellschaften und andere Großgruppen sind ‚Kulturen‘ primordiale Entitäten. Weder sind sie zwangsläufig Bedingung noch Folge der praktischen Erfahrungen und unmittelbaren Interaktionen der in historischen Situationen oder der geschichtswissenschaftlichen Forschung kulturell Gruppierten selbst. Sie sind vielmehr das Produkt beständiger Arbeit, die darin besteht, auf Grundlage kultureller Phänomene Gruppen zu synthetisieren, zu reproduzieren und zu behaupten. Statt bloß nach der Verbreitung von Phänomenen zu fragen, die bestimmten ‚ursprünglichen Kulturen‘ zugeschrieben werden, müssen daher Bedingungen, Formen und Techniken der sozialen und kulturellen Gruppierung selbst problematisiert werden. Gleichzeitig muss davon ausgegangen werden, dass solche Differenzierungen in verschiedenartigen Situationen der sozialen Praxis in höchst unterschiedlichem Maße als bedeutungsvoll erachtet wurden oder empirisch nachweisbare Konsequenzen hatten. Die Hypothese, dass eine Unterscheidung und Gruppierung etwa nach Herkunft, Konfession, Religion, Politie oder Sprache – ähnlich wie nach Geschlecht, Stand oder Klasse – für die historischen Akteure in der sozialen oder kulturellen Praxis relevant war, muss sich anhand von konkreten Interaktionen prüfen lassen, in denen diese Differenzierungen befolgt, bekräftigt und möglicherweise benannt werden.

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Neues Mitglied: Theresa Jäckh

Wir freuen uns, als achtes von insgesamt zehn Mitgliedern des sich neuformierenden Brackweder Arbeitskreises Theresa Jäckh in unserer Runde begrüßen zu können – herzlich willkommen! Mit ihrem Studium der Mittelalterlichen Geschichte und Jüdischer Studien, mit ihrer jetzigen Arbeit am Heidelberger Zentrum ‚Transkulturelle Studien‘ und ihrem Forschungsschwerpunkt auf Kontakt- und Konfliktsituationen im Mittelalterlichen Mediterraneum, die von religiöser, sprachlicher und kultureller Vielfalt geprägt sind, ergänzt sie unseren Kreis ganz hervorragend.